Mythos Massenuni
Wie der PR Blogger berichtete, hat es eine aktualisierte Focus-Studie zur deutschen Blogosphäre gegeben. Wenig überraschend mache die Studie deutlich, dass deutsche Blogger jung und gebildet seien:
17 Prozent der Blogger sind demnach zwischen 14 und 19 Jahre alt, 28 Prozent zwischen 20 und 29 Jahre. Weitere 24 Prozent sind zwischen 30 und 39 Jahre alt. Ein Drittel der deutschen Blogger hat Abitur oder ist im Studium.
Ich mache da eben keine Ausnahme: bin zwischen 20 und 29 und Student! Als solcher hat man's aber nicht immer einfach. Eine wenig schmeichelhafte Erfahrung im Unialltag habe ich heute morgen machen dürfen. Sie lässt mich über das Phänomen der Massenuniversität nachdenken. Genauer über denjenigen Zustand an europäischen Hochschulen, der Angehörige der Lehr- und Lerneinrichtungen auf vielfältige Weise über ein ungünstiges Verhältnis zwischen Studierenden- und Dozentenanzahlen klagen lässt. (Vom Raumangebot zu sprechen, will ich erst gar nicht anfangen.)
In meinem mittwöchlichen, politikwissenschaftlichen Seminar ist mir heute nämlich die zweifelhafte Ehre zuteil geworden, von meinem Dozenten persönlich begrüßt zu werden: "Ach, Herr T.! Schön Sie mal wieder hier zu sehen. Ich dachte, wir hätten Sie verloren. Ich wollte schon eine Vermisstenanzeige aufgeben." Die Implikatur jedoch, dass ich ständig fehlen würde, ist schlichtweg falsch. Zugegebenermaßen fehlte ich wirklich in der letzten Veranstaltung, krankheitsbedingt. In der Woche davor entfiel das Seminar. Aber da gleich spillovermäßig eine Regelmäßigkeit ableiten zu wollen, ist meines Erachtens zu tollkühn. "Schließen Sie die Türen", bat er einen meiner Kommilitonen, "damit Sie uns nicht doch noch verlassen.", sagte er und sah mich verschmitzt an.
Da ich es nun bei weitem vermeide, in der Universität aufzufallen, und lieber den Schutz der Massen suche, ist es also sehr merkwürdig, festzustellen, dass ich in Chemnitz an keiner prototypischen Massenuni bin. In Zagreb oder Wien, wo ich vorher lernte, wäre das wohl nicht passiert. In den politischen Wissenschaften schon gar nicht. Dort würde nicht nachgefragt, dort regieren die Anwesenheitslisten. Dort ist man anonym, und so verlockend das auch klingen mag, im Studium hilft einem das nur bedingt. Zumindest im Grundstudium bin ich also froh, in Chemnitz an einer relativ kleinen Universität (knapp zehntausend Studierende) zu lernen. Dass ich die bessere Betreuung mit dem Preis von wenig Artenvielfalt wissenschaftlichen Angebots bezahle, ist mir indes bewusst, nehme ich aber für das Grundstudium in Kauf.
